Aktuell • UH – Dezember 2021

Liebe Mitglieder,

in der heutigen UH finden Sie einen Gastbeitrag von Christoph Hofbauer, Wolfsspitzzüchter „vom Föhrenwald“.

Wir würden uns auch sehr über Ihre Beiträge/Meinungen freuen und halten dazu nur folgendes fest: Beiträge spiegeln die Meinung der jeweiligen Autorin / des jeweiligen Autors wider und nicht unbedingt jene des Vorstandes.


Ihr Richt er*innen, ich bitt‘ euch …

oder:

Wieviel Kees braucht ein Wolfsspitz für ein „Vorzüglich“?[1]

Zugegeben, es muss wirklich schwer sein. Da trippeln noch die süßen, neufarbenen Paris-Hilton-Pomerianians durch den Ring – und gleich darauf kommen sie: Die Alten. Die Großen. Die Grauen. Die Ursprünglichen. Vielleicht fällt es dann wirklich schwer, als Richter*in sofort umzuschalten und sich den Rassestandard[2] ins Gedächtnis zu rufen, um daran orientiert zu bewerten: graugewolkt (beige wird nicht erwähnt!), keilförmiger Kopf mit mäßig betontem Stopp (nie abrupt!), Fang ca. 2:3 zum Oberkopf (nicht kürzer) … und ja, auch bis zu 55cm groß!
Soweit zur Theorie.

Wolfsspitz (Bild: Wikipedia)

In der (Ausstellungs-)Realität schaut’s dann anders aus. Das Richten beim Wolfsspitz dauert ca. 25 Minuten und am Schluss gewinnt der Keeshond: hellbeige, größenmäßig am unteren Rassestandard, mit putzigem Köpfchen, Mausöhrchen und Plüschpelz. Der immer stärker werdende Einfluss des kleineren niederländischen, britischen und in den letzten Jahren verstärkt aus dem Osten kommenden Kees-Typ gegenüber dem größeren, robusteren Hundetyp Wolfsspitz ist nicht zu übersehen. Innerhalb der „Community“ zeigt sich das an den Ausstellungsergebnissen (European Dog Show 2019: der erste Wolfsspitz mit V4. IHA Oberwart 2019: 3 Wolfspitz SG, ein Kees V. IHA Tulln 2020: 2 Kees = 2 CACIB. Die Aufzählung ließe sich mühelos weiterführen.) Aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich das Bild gewandelt: Wikipedia stellt dieses Bild[3] seinem Artikel über den Wolfsspitz voran!

Der Kees-Typ sieht vielleicht knuddeliger aus, zeitgeistiger; ein ewiger Welpe. Der Wolfsspitz ist keine Moderasse, war sie nie. Seine Vergangenheit als Arbeits- und Wachhund ist bis heute in seinem Erscheinungsbild erkennbar. 1880 wurde erstmals ein Rassestandard für den Wolfsspitz in Deutschland beschrieben, 1933 der Standard für den mit den Jahren immer zarter gezüchteten Keeshond in den Niederlanden formuliert. Nach jahrelanger Intervention passte der „Verein für Deutsche Spitze“ 1997 seinen FCI-Standard so an, dass auch der Keeshond einbezogen werden konnte. Was einerseits die genetische Zuchtbasis wesentlich vergrößerte produzierte andererseits aber zwei konkurrierende Linien.

Brownie vom Wobachtal

Und das Erscheinungsbild der einen Linie wird immer „puppy“-ähnlicher gezüchtet: kurzer Fang, rundes Apfelköpfchen, sehr kleine Ohren, große Augen, übermäßiges Fell. Rassestandard hin oder her, bei internationalen Ausstellungen wird der Typ Keeshond dem Wolfsspitz vorgezogen. Damit wird die Zucht maßgeblich beeinflusst, genügend Züchter geben dem Druck nach und passen sich durch Einkreuzen extremer Kees-Vertreter an. Man mag es Opportunismus nennen oder freies Spiel des Marktes. Fakt ist, dass Richter*innen-Entscheide die Zuchtrichtung beeinflussen. Und dass dies nicht immer zum Wohle der Hunde gereicht, zeigen die Beispiele von Teacup-Züchtungen, extremer Kurzkopf- oder Faltenzucht.

So weit ist es beim Wolfsspitz bei weitem nicht. Gut so, es soll auch weiterhin so bleiben. Auch – aber nicht nur – aus diesem Grund muss es sie weiterhin geben, die alte Linie. So denken zumindest all jene, die sich der Erhaltung der ursprünglichen Merkmale verschrieben haben, die sich bei den Ausstellungen geduldig hinter den Kees anstellen und trotz „seltsamer“ Richterentscheide („Too less typ“© Richter Iuza Beradze, CZ; IHA Wels 2018) am „alten Schlag“ festhalten.

Drum … ihr Richter*innen, ich bitt‘ euch … ein Wolfsspitz4 muss auch in Zukunft so aussehen dürfen – und deswegen ein „Vorzüglich“ erhalten.

Christoph Hofbauer, MA
www.wolfsspitz-vom-foehrenwald.at


[1] Der Gastbeitrag spiegelt die Meinung des Autors wider und muss nicht jener der Redaktion entsprechen.  
[2] vgl. FCI-Standard Deutscher Spitz 2019.  http://www.fci.be/de/nomenclature/DEUTSCHER-SPITZ-97.html 
[3] Seite „Wolfsspitz“.  In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bild: Томасина; Tallinn, Estonia, duo-CACIB 2013.  CC: SA 3.0   https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wolfsspitz&oldid=198607807  
[4] Brownie vom Wobachtal. Fotocredit: Roland Essl, 2019.


4. Dezember 2020